„Das klare Sommerlicht des Nordens“ – Interview mit der Autorin Petra Oelker

Ich freue mich riesig Euch heute auf Bettys Elbgrün ein Interview mit der Hamburger Schriftstellerin Petra Oelker zu präsentieren, in dem sie Fragen zu ihrer Person und zu ihrem neusten Roman „Das klare Sommerlicht des Nordens“ beantwortet. An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei Frau Oelker dafür bedanken, dass sie sich die Zeit für dieses U1_978-3-499-26777-2Interview genommen hat.

Übrigens gibt es im Oktober und November noch Termine, an denen Petra Oelker aus ihren Büchern vorliest. Wenn Ihr also Lust darauf habt Euch in das historische Hamburg versetzen zu lassen, dann besucht doch diese Veranstaltungen:

Im Oktober:

Lesung aus „Ein Garten mit Elbblick“ am 17.10.2014 im Ratssaal im Rathaus Schenefeld (Holstenplatz 3-5, 22569 Schenefeld) um 19.00 Uhr. Eintrittskarten gibt es nur bei Heymann in Schenefeld und in der Stadtbücherei Schenefeld. Eintritt 11 Euro. Nähere Infos gibt es hier

und

Lesung aus „Das klare Sommerlicht des Nordens“ am 27.10.2014 beim Landfrauenverband e.V. Hamburg. Tel. 040 / 70 29 3486.

Im November:

Lesung aus „Das klare Sommerlicht des Nordens“ am 24.11.2014 im Ledigenheim Rehhoffstraße (Rehhoffstraße 1-3, 20459 Hamburg) um 19.00 Uhr. Reservierungen unter: f.block@rehhoffstrasse.de.

Viel Spaß beim Lesen!

Eure Betty


Über die Autorin

© Thorsten Wulff
Foto: © Thorsten Wulff

Petra Oelker, geboren 1947, arbeitete als Journalistin und verfasste Sachbücher und Biografien. Mit „Tod am Zollhaus“ schrieb sie den ersten ihrer erfolgreichen historischen Kriminalromane um die Komödiantin Rosina, neun weitere folgten. Zu ihren in der Gegenwart angesiedelten Romanen gehören neben „Tod auf dem Jakobsweg“, „Der Klosterwald“ sowie „Die kleine Madonna“.

Nach „Ein Garten mit Elbblick“ folgt nun mit „Das klare Sommerlicht des Nordens“ der zweite historische Roman der Autorin, der im Hamburg der Kaiserzeit spielt.

Quelle: www.petra-oelker.de

 

 


Interview

1. Frau Oelker, Sie haben in Ihrem Leben schon sehr viele berufliche Stationen durchlaufen und erst spät mit dem Schreiben von Romanen begonnen. Wie kamen Sie dazu Schriftstellerin zu werden?

Ich war Journalistin, hatte u. a. ein Sachbuch über eine Wanderkomödiantin der Barockzeit geschrieben – die Bilder, das Thema spukten weiter in meinem Kopf herum. Ich wollte nie, auch damals nicht, Schriftstellerin werden (für mich ist das immer noch ein seltsames, ein befremdliches Wort), ich wollte versuchen, die Geschichte, die nach der Arbeit an einem Sachbuch sehr belletristisch in meinem Kopf entstand und weitere Blüten trieb, endlich mal aufzuschreiben. Damit sie Ruhe gab, die Geschichte. Ich wollte es mal versuchen und habe mir nie vorgestellt, dass daraus mehr als allerhöchstens ein zweites Standbein sein könnte.

2. Welche Art von Büchern lesen Sie persönlich am Liebsten? Haben Sie eine Lieblingsschriftstellerin bzw. einen Lieblingsschriftsteller?

Zur ersten Frage: Das wechselt, jedenfalls nur wenige Kriminalromane.
Zur zweiten Frage: Wie könnte ich mich entscheiden? Dazu gibt viel zu viele wunderbare Autorinnen und Autoren in der Welt.

3. Wie kann ich mir Ihr ideales Arbeitsumfeld vorstellen? Haben Sie beim Schreiben bestimmte Rituale oder Vorlieben?

Schreibphase und Recherche sind ziemlich deutlich getrennt. Natürlich ist beim Schreiben immer mal wieder etwas nachzurecherchieren, aber im Prinzip ist die Buddelarbeit vorm ersten Satz auf dem weißen Papier abgeschlossen. Ich brauche dann Ruhe, Gleichmaß im Alltag und im Leben. Ich bin eine ziemlich langweilige Frau, was gut zu meiner Arbeit passt. Ich beginne morgens an meinem Schreibtisch, trinke viel Kaffee, renne ab und zu um die Außenalster oder kreuz und quer durch den nahen Stadtpark, am liebsten vor der Arbeit. Ansonsten halte ich es seit Jahren mit Dorothy Parker: ‘Schreiben ist die Kunst, den Hintern auf dem Stuhl zu lassen.‘

4. Sie widmen sich in Ihren Werken dem sehr rechercheintensiven Feld der historischen Romane. Wie lange schreiben Sie durchschnittlich an einem Roman und wie viel Zeit nimmt dabei die Recherchearbeit ein?

Je mehr Romane ich geschrieben habe, umso schwieriger ist das zu beantworten. Im Laufe der Jahre hat sich einiges Material angesammelt, das auf den Einsatz wartet, andererseits nimmt die Kritikasterei am eigenen Text zu. Die manchmal bittere Begegnung mit den Grenzen der eigenen Fähigkeiten. Ich schreibe schwerer, das dauert länger. Grob kann man (inzwischen, ich arbeite nun langsamer,) sagen, ein Buch, anderthalb Jahre. Wenn alles gut geht.

5. Sie haben sich in Ihren Romanen schon mit zahlreichen Gewerben und Handwerken auseinandergesetzt. Könnten Sie sich vorstellen einen dieser Berufe selber auszuüben, wenn Sie zur damaligen Zeit gelebt hätten?

Nein. Hätte ich damals gelebt, wäre ich in meinem Alter längst tot. Und über die Küchenmagd hätte ich es sehr wahrscheinlich kaum hinausgebracht.

6. Am 01.07.2014 erschien ihr letzter Roman „Das klare Sommerlicht des Nordens“. Bitte erzählen Sie uns kurz, worum es geht.

Es geht um zwei junge Frauen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, die mehr vom Leben wollen, als für sie vorgesehen ist. Wobei eine der beiden, die, die zu einer wohlhabenden Familie gehört, das erst im Lauf der Geschichte bemerken wird. Es geht auch und besonders um die Entwicklungen im Kaiserreich und dieser Zeit in den Künsten, der Technik, im Lebensstil, die Stadtentwicklung… um den enorm wachsenden Antisemitismus im Kleinbürgertum. Um Frauen in ihrer Berufstätigkeit, um das Ausgeliefertsein in Krankheiten… es geht um das Leben anno 1906.

7. Das Buch spielt hauptsächlich im Jahr 1906, zu einer Zeit, in der die jüdische Avantgarde maßgeblich an der Entwicklung der Kunstszene in vielen Ländern Europas beteiligt war. Inwiefern hat dieser geschichtliche Hintergrund sie bei der Entwicklung des Charakters der Sidonie Wartberger beeinflusst und vielleicht auch behindert?

Gar nicht. Die Familie Wartberger (samt ihrem Hausarzt) entstand nach der tief beeindruckenden Lektüre der Autobiographie Leo Lippmanns, des ersten jüdischen Staatsrates in Hamburg, der 1933 aus dem Staatsdienst ‘entlassen‘ wurde. Sidonie war schon in meinem Kopf und passte gut in diese Familie und das Umfeld wohlhabender, aber nicht schwerreicher Familien. In meinem Roman geht es zwar stark um Malerei und die Ablehnung der damaligen Moderne, dabei aber nicht oder kaum um jüdische Künstler oder hier besser: nicht um das Judentum von Künstlern. Ich hatte mich schon länger mit dem Thema der Künste im Kaiserreich befasst und auch mit der Entwicklung des bürgerlichen Judentums, dabei nicht nur im Deutschen Reich, auch die sog. Affaire Dreyfus in Frankreich ist da sehr lehrreich.

8. Ihre Protagonistinnen Sidonie und Dora zeigen mit ihrem Drang nach Freiheit und Erfüllung frühe emanzipatorische Grundzüge zu Beginn des 20. Jahrhunderts. War die Entwicklung dieses Themas bewusst eingeplant oder eine zufällige Entstehung?

Natürlich war die Entwicklung so geplant. Beide verstehen sich aber nicht als Vorkämpferinnen der Emanzipationsbewegung. Es gibt tolle, auch aktuelle, Literatur zu der ungemein vielfältigen Frauenbewegung in Hamburg besonders im Kaiserreich, all das fand in diesem Roman nur in Andeutungen Raum – leider. Für meine Geschichte habe ich bewusst zwei für ihre Gesellschaftsschicht recht durchschnittliche Frauen aus ihrem Trott ausbrechen lassen, oder den Versuch machen lassen. Womöglich werden sie später auf irgendwelche Barrikaden gehen, aber das glaube ich nicht. Dora wird in ihrem Beruf eine solide befriedigende Karriere machen, Sidonie auch. Jedenfalls bis zum Jahr 1914. Was dann kommt oder käme – ein weites Feld. Übrigens fing das Bemühen von Frauen, man kann gerne sagen: der unermüdliche Kampf im kleinlichen Alltag, keineswegs erst im 20. Jahrhundert an.

9. Hatten Sie beim Design des Covers ein Mitspracherecht? Wenn ja, gab es bestimmte Gründe, weshalb sie sich für die Darstellung des Gemäldes „Zwei Damen am Strand“ von Michael Ancher entschieden haben?

Das Bild ist ein Werk von Peter Severin Kroyer (A/N: Vielen Dank an Frau Oelker für diese Korrektur). Ancher war mit ihm gut bekannt, ein Freund. Die Damen auf dem Bild sind die beiden Ehefrauen, selbst Malerinnen und Freundinnen. Besonders die Ehe der Kroyers war offenbar ein Desaster, auch weil er die Arbeit seiner Frau nicht ertrug und sabotierte (jaja, ganz anders als Viktor Wartberger). Und, ja, ich bekomme die Coverentwürfe und wir diskutieren sie. Oft sind die Bildervorschläge von mir, so wie dieses. Da es ein ungemein bekanntes Gemälde ist, habe ich, auch die Kollegen in der Umschlagredaktion es Rowohlt Verlags, lange nach einem anderen gesucht, aber keines gefunden, das besser gepasst hätte und schöner gewesen wäre. Und – natürlich – das Thema zeigte: zwei Frauen.

10. Schreiben Sie schon an einer neuen Veröffentlichung oder planen Sie eine? Können Sie schon sagen, worum es gehen wird?

Ich recherchiere zurzeit. Und, nein, ich möchte noch nichts sagen.

Vielen Dank für dieses Interview!


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